02.05.2009
Begegnung auf Augenhöhe – Bischof Ralph Wittich im Interview
Von der berühmten Altersgrenze ist Bischof Thomas Matthes noch weit entfernt. Trotzdem wurde er auf eigenen Wunsch versetzt – nicht in den Ruhestand, sondern nach Sachsen. Also musste ein neuer Bischof her. Das alles war vor einem Vierteljahr. Mit Ralph Wittich ordinierte Stammapostel Dr. Wilhelm Leber einen neuen Bischof für den Bereich Thüringen. Beim Beantworten unserer Fragen kam „der Neue“ jedenfalls umfassend zu Wort. Zumindest „lektürehalber“ kann man ihn im nachfolgenden Interview etwas besser kennenlernen.
Zur Person:
Ralph Wittich, geboren am 10. Juni 1960 im thüringischen Schleiz (Kirchenbezirk Plauen). Verheiratet seit 1981; zwei Töchter (25 und 20). Ordination zum Bischof am 1. Februar 2009 in Magdeburg.
1. Persönliche Fragen
Bischof Wittich, seit etwa drei Monaten stehen Sie nun in diesem Amtsauftrag. Was hat sich in Ihrem Leben seit der Ordination zum Bischof verändert?
Ich befinde mich noch inmitten der Veränderung. Alles ist neu – besonders die Arbeit hat sich verändert. Ich war 17 Jahre lang in einem Unternehmen beschäftigt, das Baustoffe prüft. Meinen Kollegen nach so vielen Jahren zu sagen, dass ich jetzt aufhöre, war schon ein eigenartiges Gefühl. Durch die neue Aufgabe sind außerdem die Wege länger und die Freizeit weniger geworden.
Skizzieren Sie doch bitte kurz Ihren beruflichen Werdegang bis zur Ordination.
Nach meiner zwölfjährigen Schulzeit wollte ich eigentlich Sprachwissenschaften studieren, doch die Bedingungen – drei Jahre Armeedienst und Aufgabe des kirchlichen Engagements – passten nicht. Im planwirtschaftlichen System der DDR sollte ich deshalb auf einen volkswirtschaftlich erforderlichen Beruf „umgelenkt“ werden. Ein Studienplatz für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Dresden wurde mir angeboten, allerdings waren dort alle männlichen Studenten automatisch Reserveoffiziere der NVA (Nationale Volksarmee). Deshalb habe ich mich für eine Ausbildung „auf dem Bau“ (nicht im Bau!) entschieden. Nach der Wende wurde ich dann in der Ingenieurschule Apolda zum Betontechnologen ausgebildet. Damit war auch die Befähigung zur Leitung eines Labors für Baustoffprüfung verbunden – meine letzte berufliche Position vor dem Wechsel in den Kirchendienst.
Wann und wie haben Sie von der bevorstehenden „Beförderung“erfahren und wie sind Sie – und ggf. Ihre Familie – damit umgegangen?
Das war Mitte November 2008. Da wurde ich nach Taucha zum Bezirksapostel bestellt – eigentlich in einer anderen Sache. Am Ende des Gesprächs stellte er mir dann die für mich völlig unerwartete, alles entscheidende Frage. Ich habe um Bedenkzeit nachgesucht und nach einer Woche mit wenig und schlechtem Schlaf habe ich dann zugesagt.
Es gibt zwar die althergebrachte Floskel „dem lieben Gott sagt man nicht nein“, aber es waren bei mir eigentlich andere Beweggründe ausschlaggebend. In meinem Leben ist nicht immer alles glatt gelaufen. Ich war zum Beispiel auf einer sehr „systemtreuen“ EOS (DDR-Begriff für das Gymnasium) und hatte dort viele Probleme, besonders wegen meines christlichen Glaubens. Trotzdem konnte ich immer wieder die Hilfe Gottes erleben. Ich bin dankbar für mein Leben und für meine Familie. Deshalb möchte ich dem lieben Gott auch etwas zurückgeben. Abzulehnen wäre undankbar gewesen.
Warum sind Sie neuapostolisch und nicht – zum Beispiel – evangelisch oder katholisch?
Ich bin in eine neuapostolische Familie hinein geboren worden, kenne nichts anderes und habe mich schon früh aktiv beteiligt. In meiner Gemeinde, die recht klein war, bin ich der einzige Jugendliche gewesen. Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt mit ungefähr 2.000 Einwohnern, in der es aber fünf verschiedene Konfessionen gab. Das Verhältnis untereinander war da schon immer sehr entspannt; das war schon fast Ökumene auf nachbarschaftlicher Basis. Daher hatte ich schon als Jugendlicher Kontakt zu anderen Konfessionen. Das ging soweit, dass mich schon mal der Pfarrer gefragt hat, ob ich nicht den Kantor vertreten könne.
Welche Faktoren motivieren Sie maßgeblich für Ihren kirchlichen Einsatz?
Ich bin in meiner Gemeinde behütet aufgewachsen und durfte schon früh Verantwortung übernehmen. Ich war unter anderem auch Jugendchordirigent und Jugendleiter im Sprengel Schleiz, das waren sehr schöne Aufgaben. Der Umgang mit meinen Glaubensgeschwistern bereitet mir einfach Freude. Die Seelsorge hat mich viele Erfahrungen sammeln lassen, besonders die, dass sich Probleme mit der Hilfe Gottes lösen lassen. Mit etwas gutem Willen ist fast alles machbar. Außerdem sagt man mir ein Helfersyndrom nach.
2. Jugend in der Kirche
Sie haben sich der Jugend in Ihrem ersten Jugendgottesdienst im Bezirk Halle als Ansprechpartner und Freund vorgestellt. Wo sehen Sie die Schwerpunkte in der kirchlichen Jugendarbeit in Ihrem Arbeitsbereich?
Durch meine frühere Aufgabe als Jugendleiter war ich der Jugend schon immer sehr nah. Die Schwerpunkte stellen sich heute praktisch von selbst. Aus der Projektgruppe Jugendpflege kommen zwar einige Impulse, aber das ist vielleicht nicht genug.
Die Gestaltung der Jugendstunden sollte individueller werden. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, verstärkt in Jugendstunden zu gehen. Man muss auf Jugendliche, die Fragen, Probleme und Zweifel haben, individueller zugehen. In der Jugendarbeit muss der Seelsorgegedanke wieder mehr in den Vordergrund gestellt werden. Da muss Vertrauen aufgebaut werden. Die Kirche muss vermitteln, dass die Jugendlichen im Glauben einen Mehrwert für ihr Leben sehen. Manchmal wird der Glaube verkrampft gelebt, dabei sollte er befreien und Freude bereiten. Ich hoffe, dass sich Jugendliche den Seelsorgegegenüber öffnen können. Im Vertrauen muss dabei gegebenenfalls auch mal angesprochen werden können, wenn es in der Gemeinde klemmt. Bei uns in der Kirche ist dieser „heile Welt“-Gedanke noch zu dominant.
Mir liegt die „Vision 2014“ sehr am Herzen. Sie bedeutet lebendige Gemeinden zu erhalten, zu fördern und – wo erforderlich – aufzubauen. Das ist in jeder Gemeinde sehr individuell, mancherorts ist eine gewisse Erstarrung eingetreten. Wir haben es in der Kirche und in jeder Gemeinde mit einer erwünschten Vielfalt zu tun. Man muss eben damit zurechtkommen, dass unterschiedliche Meinungen nicht nur vorhanden sind, sondern dass diese auch geäußert werden.
Planen Sie vielleicht schon bestimmte Projekte um neue Impulse in der Jugendarbeit zu setzen?
Der Apostel und ich haben schon ein paar Ideen, die wir auch umsetzen wollen. Das betrifft unter anderem auch die Gestaltung der Jugendgottesdienste. Hier soll es vermehrt einen Austausch zwischen den Bezirken und auch bezirksübergreifende Gottesdienste geben. Weitere Überlegungen betreffen Jugendfreizeiten oder Sportnächte. Wir wissen, dass wir unter Zeitdruck stehen. Allerdings verlasse ich mich dabei auch auf das Engagement und die Kreativität der Jugend selbst und freue mich über jede Anregung.
Wie sehr wird nach ihren Erfahrungen eigentlich Jugendseelsorge in Anspruch genommen? Gibt es dabei bestimmte thematische Häufungen?
Das ist sehr individuell. Ich habe das Gefühl, dass viele Jugendliche mit ihren Sorgen alleine leben. Jugendliche brauchen eine Person ihres Vertrauens – das muss nicht unbedingt immer ein Amtsträger sein. Jugendseelsorge läuft oft nur in der Jugendstunde ab. Die allerdings ist eine Einbahnstraße. Daran müssen wir arbeiten.
Die Altersspanne der „Jugend“ reicht in der Kirche von 14 bis etwa 30 (für Ledige). Wenn wir das mal ganz pragmatisch und weniger dogmatisch betrachten - wird da nicht manchmal die Integrationsfähigkeit überfordert?
Das mit der Altersspanne ist in der Tat ein Problem. Schon ein 18-jähriger hat ganz andere Interessen als ein 15-jähriger, und die liegen altersmäßig noch recht nah beieinander. Ein paralleles Problem besteht ja schon in der Kinderarbeit. Lösungen dafür habe ich allerdings noch nicht. Ich weiß, dass in diesem Bereich auch intensiv geforscht wird und ich beobachte das sehr genau.
Klar ist jedenfalls, dass das Mitmachen in der Jugendgruppe von innen heraus kommen muss. Bisher sind wir da in der Kirche ja eine Konsumhaltung gewohnt.
Können Sie sich vorstellen, dass es mal zielgruppenspezifische Aktivitäten für junge Erwachsene gibt?
Das kann ich mir gut vorstellen, denn so lautet eigentlich das Gebot der Stunde. Es gibt da viele andere Zielgruppen, für die bislang ein passendes kirchliches Angebot fehlt, zum Beispiel junge Eltern, Alleinerziehende, „mittleres Alter“ usw. Deshalb wird über solche Dinge schon sehr intensiv gesprochen und diskutiert, allerdings ist ein Stadium, in dem konkrete Maßnahmen geplant werden können, noch nicht erreicht. Vieles muss da künftig aus der Gemeinde selbst kommen – siehe Vision 2014. Es muss doch nicht immer alles gewissermaßen von oben vorgegeben werden.
Die Jugend in der Kirche schrumpft. Wie geht die Kirche mit diesem Sachverhalt um? Nach welchen Kriterien werden Konzepte hiergegen entwickelt?
Das liegt nicht nur daran, dass Jugendliche der Kirche den Rücken kehren. Denn natürlich haben wir ebenso wie die anderen Kirchen auch unsere Probleme mit der demografischen Entwicklung, in Ostdeutschland sogar in verschärfter Form.
Dem muss man durch interessante Angebote begegnen. Dabei muss man sich bewusst sein, dass sich Jugend nicht nur in der Jugendgruppe abspielt, sondern in der Gemeinde allgemein.
Viele wünschen sich, dass die Wortverkündigung verbessert wird. Unsere Geschwister, besonders die jungen, haben heute einen anderen Anspruch, oftmals wird kritischer gedacht. Und das ist ja durchaus erwünscht. Kritik bringt uns nach vorne – jedenfalls dann, wenn nicht nur Lücken gesucht, sondern auch konstruktive Lösungen angeboten werden.
3. Gottesdienst und Liturgie
Oftmals wird der Wunsch geäußert, den Ablauf neuapostolischer Gottesdienste dahingehend zu verändern, dass die Gemeinde mit mehr Aktivität einbezogen wird. Welche Möglichkeiten dazu sehen Sie? Welche Wünsche haben Sie?
Die Liturgie setzt uns da enge Grenzen. Ihre Weiterentwicklung muss aber vorsichtig betrieben werden. Jetzt schon könnte man gelegentlich in Gottesdiensten – davor oder auch dazwischen – Lesungen aus der Bibel durchführen. Auch Wechselgesänge, beispielsweise zwischen Chor und Gemeinde kann ich mir vorstellen.
Wie bereiten Sie sich auf die Durchführung eines Gottesdienstes vor?
Ich bete vorher sehr intensiv. Unter zwei oder drei Stunden kann ich mich nicht sinnvoll auf einen Gottesdienst vorbereiten – das habe ich schon als Vorsteher so gehandhabt. Mit der Zeit habe ich mir Sekundärliteratur beschafft, die wälze ich dann ausgiebig. In meinem Computer habe ich mir außerdem eine Datenbank zu bestimmten Themen angelegt, da sind inzwischen schon über eintausend Datensätze zusammengekommen. Gottesdienstberichte und weiterführende Beiträge aus der Zeitschrift „Unsere Familie“ habe ich indiziert und kann dann die Fundstellen abrufen. Außerdem befasse ich mich viel mit der Heiligen Schrift, auch damit, was Theologen zu einzelnen Passagen schreiben. Das ist schon sehr interessant. Um alles umfassend zu lesen, fehlt es allerdings manchmal an der Zeit – auch wenn ich sehr gerne lese.
Einige Amtsträger – darunter auch der frühere Stammapostel Richard Fehr – benutzen Stichpunkte als Gedächtnisstütze. Es soll Gemeinden geben, in denen sich die an der Predigt beteiligten Amtsträger gemeinsam auf den Gottesdienst vorbereiten. Wie kann solchen „Qualitätssteigerungsmaßnahmen“ zur Durchsetzung in der Fläche verholfen werden? Ist das überhaupt erwünscht?
Das mache ich an sich nicht, außer wenn ich ein Zitat wörtlich bringen möchte. Ohne Zettel ist das auch ein Gedächtnistraining, das tut mir ganz gut. Aber wenn Brüder es so handhaben, dann habe ich sicher nichts dagegen einzuwenden. Ich schreibe mir zu Hause auch viel auf, manchmal mehrere Seiten. Das lese ich dann oft vor dem Gottesdienst nochmal durch, aber es kommt nicht auf dem Altar zum Vorschein.
Auch die gemeinsame Vorbereitung mit anderen Brüdern habe ich schon praktiziert. Warum auch nicht? Allerdings weiß ich, dass dieses Thema in der Kirche kontrovers diskutiert wird. Was wichtig ist, ist die Unterweisung der Amtsträger, auch mit Hinweisen auf passende Literatur. Heutzutage ist der Zeitfaktor vielfach das ausschlaggebende Problem, gerade bei den Wochengottesdiensten. Grundsätzlich gilt jedenfalls: Wenn man sich verantwortungsbewusst vorbereitet, kann man sich auf den Heiligen Geist verlassen.
Vielfach wird beklagt, dass das Heilige Abendmahl nicht in einer seinem Stellenwert als Sakrament gemäßen Weise gefeiert wird. Welche gestalterischen Möglichkeiten haben Dienstleiter darauf hinzuwirken?
Man muss die Predigt so begrenzen, dass man ausreichend Zeit für das Heilige Abendmahl hat. Wir wollen „Heiliges“ Abendmahl feiern und nicht „eiliges“ Abendmahl. Dazu bedarf es der Ruhe und der Würde. Denn Abendmahl muss man feiern, man kann es nicht einfach nur halten. Das schließt mit ein, dass es inhaltlich vorbereitet wird. Das ist im Grunde eine kleine Extrapredigt. Die Heilige Schrift ist dazu unerschöpflich.
Es gibt immer wieder Versuche in der Kirchenmusik „vorsichtig formuliert“ neue Akzente zu setzen. Wo liegt da ihre persönliche Schmerzgrenze?
Das wird immer eine Geschmacksfrage bleiben. Jugendgottesdienste können etwas moderner gestaltet werden. Aber in der Gemeinde muss man schon sehr genau sehen, was sie verträgt. Wir haben erlebt, wie kontrovers schon das neue Gesangbuch diskutiert worden ist. Die Schmerzgrenze wird – jedenfalls bei mir – mit dem Schlagzeug neben dem Altar überschritten.
4. Europäischer Jugendtag
Was denken Sie über den Europäischen Jugendtag (EJT)?
Meine Generation hatte noch nicht mal einen Jugendtag. Als ich meinen ersten Jugendtag erlebt habe, war ich bereits Jugendleiter. Das war 1988. Deshalb begeistert mich der Gedanke an einen gemeinsamen Europäischen Jugendtag.
Der EJT ist auch bei der Jugend nicht nur mit vorbehaltloser Begeisterung aufgenommen worden. Die drastisch nach unten korrigierte Zahl der erwarteten Teilnehmer ist ein Zeichen dafür. Hat die Kirche die Anziehungskraft einer solchen Veranstaltung überschätzt?
Damit muss man rechnen, die Fakten nüchtern betrachten, analysieren und damit umgehen. Mancher stößt sich vielleicht auch an einzelnen organisatorischen Dingen. Man wird sich im Nachhinein die Reaktionen ansehen müssen und intensiv darüber nachdenken. Man muss auch hinnehmen, wenn manche sagen, es sei zu groß oder zu viel.
Große Hochachtung habe ich vor dem Organisationsteam – wir haben ja so etwas noch nie gemacht! Das muss ja wirklich alles bis ins kleinste Detail geplant werden. Zum Glück konnten wir im Vorfeld mit den Organisatoren des katholischen Weltjugendtages sprechen und von deren Erfahrungen lernen.
Wo schlafen Sie eigentlich beim EJT?
Ich werde im Hotel untergebracht. Da ich als sogenannter „soul carer“ eingeplant bin, muss ich auch schon zwei Tage früher hin. Es wird Seelsorger für verschiedene Sprachgruppen geben – ich bin im deutschsprachigen Team – und wir werden dann schon intensiv auf unsere Aufgaben vorbereitet.
Welche Signale sollten Ihrer Meinung nach vom EJT ausgehen?
Natürlich erwarte ich positive Signale und Impulse, besonders für das Gemeinschaftsgefühl. Die Jugend soll ihre Zukunft in der Kirche sehen und sich damit identifizieren. Wenn das so wird und Belebung in die Jugendgruppen kommt, dann bin ich sehr froh.
5. Entwicklung der Kirche
In der NAK lässt sich eine Tendenz zur Theologisierung ausmachen. Teilen Sie diese Beobachtung? Wie stehen Sie dem gegenüber?
Ich finde das interessant und spannend. Man sieht manche Zusammenhänge und Wechselwirkungen besser. Ein Bibelkommentar ist sehr hilfreich für das Verständnis. Wir sind ja eine Laienkirche und selbst keine ausgebildeten Theologen. Es gilt da eben auch Fehlinterpretationen zu vermeiden. Wir als Amtsträger brauchen Anleitung. Natürlich ist das – die überwiegende Mehrzahl der Amtsträger ist ja ehrenamtlich tätig – auch eine Zeitfrage. Aber es lohnt sich wirklich!
Wir sind da noch lange nicht fertig. Von fundamentaler Wichtigkeit ist außerdem, dass die Wortverkündigung auf die Lebenspraxis der Gläubigen bezogen ist. Es hilft für den Alltag nicht viel, wenn ich weiß, was beispielsweise Petrus vor 2.000 Jahren gemacht hat.
Vor rund einem Jahr hatten wir als Aprilscherz die Einführung einer Kirchensteuer gemeldet. Könnten Sie sich vorstellen, dass irgendwann mal tatsächlich eine Kirchensteuer erhoben wird?
Das will ich mir gar nicht vorstellen. Es ist eigentlich schon ein Charaktermerkmal unserer Kirche, dass sie sich aus freiwilligen Spenden finanzieren lässt.
Die NAK bemüht sich um mehr Anerkennung und Zusammenarbeit mit den beiden Großkirchen. Was haben wir davon?
Wir wollen damit raus aus der „Sektenecke“. Viele unserer Geschwister arbeiten ja im sozialen Bereich, oftmals bei Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Die werden es dadurch sicher etwas leichter haben.
Die Zusammenarbeit erfolgt bisher allerdings vor allem auf lokaler Ebene und im musikalischen Bereich. Es liegt also noch ein langer Weg vor uns.
Haben Sie schon Gottesdienste anderer Konfessionen besucht? Falls ja: Beschreiben Sie bitte Ihre Eindrücke und Empfindungen.
Ich war bisher nur auf Trauerfeiern, Hochzeiten und Taufen, in Gottesdiensten eigentlich nicht. Aber ich denke, dass sich das im Rahmen meiner neuen Tätigkeit sicher noch ergeben wird.
Die Arbeit kirchlicher Würdenträger ist zunehmend einer Beobachtung und auch Bewertung durch die Kirchenöffentlichkeit ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um? Was wird getan um Fehlwahrnehmungen zu verhindern?
Dem müssen wir uns stellen und damit leben. Fehlwahrnehmungen sind nicht immer zu vermeiden, aber man sollte ihnen durch Offenheit und Transparenz begegnen. Ich persönlich will innerhalb der Kirche keine Wahrnehmung der Art „die da oben“ und „wir da unten“, sondern Bruder und Schwester auf Augenhöhe begegnen. Das Amt hebt uns nicht aus Gemeinde heraus, sondern wir sind Bestandteil der Gemeinde.
Was denken Sie über den Begriff „Neuapostole“?
Das muss man im Zusammenhang sehen und daraus erschließen, ob der Begriff abwertend gebraucht wird oder nicht. Er ist sicher etwas ungewohnt, aber solange damit keine Abwertung verbunden ist, sehe ich da kein Problem. Immerhin ist es besser als Polemiken wie „das sind die Apostel“.
Wagen Sie doch bitte mal eine Prognose was sich in der Kirche im Vergleich zu heute in zwanzig Jahren verändert haben wird.
Eine Prognose ist sehr schwierig. Ich denke, dass sich gerade vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, Bezirksgrenzen verändern werden und Gemeinden zusammengelegt werden müssen. Und wenn die geburtenstarken Jahrgänge in das entsprechende Alter kommen, werden wir für Seniorengottesdienste wahrscheinlich Hallen anmieten müssen (Anm.: Diese Aussage ist scherzhaft gemeint). Aber jede Zeit hat ihre Herausforderungen und deshalb erlaube ich mir trotz allem optimistisch in die Zukunft zu blicken.
6. Und noch ein paar „sonstige“ Fragen …
Sicher arbeiten Sie viel mit Apostel Rolf Wosnitzka zusammen. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit ihm?
Ich kenne Apostel Wosnitzka seit 1994, damals wurde er zum Bischof ordiniert. Er ist unkompliziert und sehr pragmatisch. In der Zusammenarbeit ist er sehr rücksichtsvoll. Man kann mit ihm wirklich über alles reden und dabei ruhig auch „heiße Eisen“ anfassen. Durch seine Offenheit steht er oft im medialen Kreuzfeuer, aber eben diese Offenheit ist eine gute Eigenschaft von ihm.
Von der Arbeitsteilung her ist es so, dass ich als Bischof schon ein definiertes Aufgabengebiet habe, wobei ich primär die so genannte „rechte Hand“ des Apostels bin.
Warum ist die Ehe eigentlich kein Sakrament wie z.B. in der katholischen Kirche?
Das kann ich letztendlich auch nicht beantworten. Welche Sakramente sie definiert, legt jede Kirche selbst fest. Da spielen auch Traditionen und die Entwicklungen der Kirchengeschichte eine gewisse Rolle.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten eine Ihrer biografischen Weichen rückwirkend umzustellen. Was würden Sie anders machen?
Ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen können; mit meinem Leben bin ich zufrieden und dankbar dafür. Aus meinem Glauben heraus sehe ich meinen Weg als von Gott vorgezeichnet – was natürlich nicht heißt, dass ich alles richtig gemacht habe.
Was möchten Sie in Ihrer Amtszeit als Bischof erreichen? Außer dem Glaubensziel natürlich …
Ich möchte Vertrauen zu meinen Brüdern und Schwestern aufbauen, dass sie das Fazit ziehen können: „Das ist einer von uns.“ Dabei wünsche ich mir auch, dass gewisse Entscheidungen als letzten Endes von Gott gewollt angesehen werden und ich bei der Umsetzung die notwendige Unterstützung erfahren darf.
Und nun: Ein Anschlusstatement für unsere Leser …
Ich möchte jeden zur Mitarbeit aufrufen und einladen. Jeder soll das Gefühl haben, dass es sich auch im 21. Jahrhundert lohnt Christ zu sein.
Das Interview führten Maria Schubert
und Steffen Liebendörfer. |