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| A R C H I V T E L L E R R A N D 2 0 0 7 |
19.10.2007 „Für mich ist nichts unwichtiger als Theologie“ – Helmut Schmidt sprach in der siebten Weltethos-Rede über die Verantwortung des Politikers
Bereits zum siebten Mal luden die Stiftung Weltethos und ihr Präsident Prof. Dr. Hans Küng zur Weltethos-Rede in die Universitätsstadt Tübingen ein. Am 8. Mai sprach Altbundeskanzler (1975-1982) Helmut Schmidt über „Das Ethos des Politikers“.
Er schöpfte in seiner Rede nicht nur aus seiner persönlichen Erfahrung, sondern schloss die Grundsätze der Stiftung Weltethos und des InterAction Council mit ein. Der InterAction Council, der gleichzeitig in Tübingen tagte, setzt sich zusammen aus ehemaligen Regierenden, die regelmäßig zusammenkommen und ähnliche Ziele verfolgen wie die Stiftung Weltethos: Frieden und Sicherheit sowie die Schaffung universeller ethischer Standards. Helmut Schmidt ist ebenso Mitglied wie der ehemalige Regierungschef Australiens Malcolm Fraser, Jordaniens Altpräsident Abdul Salam Majali und Österreichs Altkanzler Franz Vranitzky und der ehemalige schwedische Premierminister Ingvar Carlsson.
Helmut Schmidt betonte in seinem einstündigen Vortrag, dass er „jedem Politiker, jedem Regierungs- oder Staatschef“ misstraue, „der seine Religion zum Instrument seines Machtstrebens macht“. Ein Politiker, der missioniere anstatt zu regieren, mache im besten Falle schlechte Politik und im schlechtesten Falle Politik, die nicht friedensstiftend sei. Der Altbundeskanzler hob ebenfalls hervor, dass ein Demokrat innen- und außenpolitisch im Sinne des Friedens handeln müsse, auch wenn dies bedeute, Kompromisse einzugehen. Dass diese von der Öffentlichkeit oft als „faul“ abgetan werden, bestritt der Redner nicht, aber „wenn beide Seiten nicht miteinander reden, so bleiben Kompromiss und Frieden eine illusionäre Hoffnung“. Schmidt machte in seiner ruhig vorgetragenen Rede deutlich, dass ein Politiker den Vorwurf an Stringenzverlust durch ein notwendiges Einlenken aushalten müsse. Die Entscheidungen, die ein Politiker im Laufe seiner Amtszeit treffe, sollten immer in letzter Instanz vor seinem eigenen Gewissen bestehen. Für Schmidt sind sie im Zweifelsfall wichtiger als Versprechungen, die dem Souverän gemacht wurden.
Politiker, die versuchen ihre Macht mit ihrer Religion zu verbinden, verurteilte Schmidt scharf. Religionen folgten einem Grundethos, der oftmals vergleichbar und ebenso kompromissbereit sei. Das Problem sei jedoch, so Schmidt, dass die Kirchen oftmals einen Absolutheitsanspruch stellten und Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen aus Angst vor Machtverlust nicht sehen wollten. Ebenso wie die Religion muss die Politik dem Frieden dienen und „mit der Gegenseite reden - das heißt: mit dem möglichen Feind. ... Reden, Zuhören und wenn möglich einen Kompromiss schließen“.
In einem anschließenden Dialog griff Hans Küng die Kirchenkritik des Protestanten Schmidt auf und fragte ihn, was er „seiner“ Kirche wünschen würde. Schmidt war mit der Fragestellung sichtlich unzufrieden und erklärte, dass er eigentlich sehr lange nachdenken müsse. Er gab jedoch nach eigener Aussage eine „sehr vorläufige Antwort“ und sagte, dass die Seelsorge für alle Kirchen die Priorität sein sollte, um sich der sozialen und persönlichen Probleme des Einzelnen anzunehmen. Der Nachsatz „für mich ist nichts unwichtiger als Theologie“ muss in eben diesem Zusammenhang gesehen werden – auch wenn er im Festsaal für Raunen und zögerliches Lachen, in den Hörsälen, die an eine Live-Schaltung angeschlossen waren, für lauten Beifall sorgten.
Schmidt setzte in seiner Rede auf Religion, die sich den Menschen und dem Frieden verschrieben hat und den Kompromiss mit anderen Religionen ohne Rechthaberei sucht. Gegen Missbrauch und Übertreibung von Religion vor allem im Zusammenhang mit Politik wehrte er sich entschieden. So pochte er in Religion wie in Politik auf ein Verantwortungsgefühl, dass jeder Mensch habe und nutzen solle. Besonders die Deutschen hätten wegen ihrer Geschichte „allen Grund, mit Zähigkeit an der Demokratie festzuhalten, sie immer wieder zu erneuern und immer wieder ihren Feinden tapfer entgegenzutreten.“ (Quelle: Luise Wacker aus: www.uni-tuebingen.de„) |
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