16.08.2008
954 klingende Pfeifen
Die Rösel & Hercher-Orgel in der Jüdeweiner Kirche in Pößneck wurde am 3. Oktober 2004 eingeweiht, Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große war damals zugegen. Die ersten festlichen Töne hatte ihr die damalige Kantorin Katrin-Anja Krauße entlockt. Die Ehre und Freude der Konzert-Premiere nach dem Endausbau hat am 31. August 2008 Kantor Hartmut Siebmanns. Endausgebaute Orgel in Jüdeweiner Kirche wird am 31. August mit Konzert eingeweiht.
Orgelneubauten haben in Thüringen Seltenheitswert. Eine solche Rarität ist in der Jüdeweiner Kirche in Pößneck gewachsen. Die vor vier Jahren eingerichtete Orgel des Meisterbetriebes Rösel & Hercher aus Saalfeld wurde in den vergangenen Monaten in einem zweiten Bauabschnitt ergänzt – und gestern vollendet. Am 31. August um 19 Uhr wird diese Königin der Instrumente mit einem Konzert unter dem Titel „Orgelreise durch die Jahrhunderte“ eingeweiht.
Mit zwei Manualen und achtzehn Registern ist das neue Instrument nun ausgestattet. Von den insgesamt 954 klingenden Pfeifen sind 671 aus Metall und 283 aus Holz. Eine Reihe Holzpfeifen stammt aus dem Vorgängerinstrument, einer Jehmlich-Orgel, die 1860 gebaut und 1929 umgebaut wurde, aber zuletzt in einem so schlechten Zustand war, dass sie nicht mehr restauriert werden konnte. Schon diese alte Orgel habe teils aus dem 18. Jahrhundert stammenden Pfeifen ihres Vorgängerinstrumentes enthalten.
Das ehrgeizige Orgelneubauprojekt der Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Pößneck hatte das große Glück eines echten Gönners: Wolf-B. Siegel, der frühere Pößnecker Textilfabrikant, der am Donnerstag 97 wurde, hat vor vier Jahren mit einer außergewöhnlichen 75.000-Euro-Spende mehr als die Hälfte der 142.000-Euro-Investition übernommen. „So etwas kommt einmal im Leben vor, wenn überhaupt“, fasste seinerzeit Pfarrer Jörg Reichmann seinen tief empfundenen Dank in einem OTZ-Gespräch in Worte. Die weiteren Gelder stammen u. a. aus Versteigerungen von Orgelpfeifen des alten Instrumentes und aus dem Verkauf der so genannten Orgeltassen, von der Kreissparkasse Saale-Orla und der Stadt Pößneck, aus vielen weiteren privaten Spenden. Begleitet wurde die Spendensammlung vom Verein zur Unterstützung der Orgeln in den evangelischen Kirchen in Pößneck.
In der Jüdeweiner Kirche hat die 1990 gegründete Fa. Rösel & Hercher ihre bislang vierte bzw. zweitgrößte Orgel gebaut. Die größere steht in der neuen katholische Kirche St. Elisabeth in Gera, die beiden anderen in der Orlamünder Kirche und in der Wohnung des Leipziger Gewandhaus-Organisten Michael Schönheit. Die Herausforderung in Pößneck war, ein technisch modernes Instrument mit klanglich breitem Spektrum an den „akustisch äußerst sensiblen Raum“ des 1740 erbauten Jüdeweiner Gotteshauses anzupassen, gab Orgelbaumeister Andreas Rösel zu verstehen. Rechne man beide Bauabschnitte zusammen, habe die Arbeit an der Orgel etwa neun Monate gedauert. Frühromantische und barocke sowie moderne Orgelwerke ließen sich besonders gut spielen.
„Durch den Ausbau der Orgel sind wesentlich mehr Klangfarben zu kombinieren, wodurch das Spektrum der zu realisierenden Orgelliteratur erheblich größer ist“, freut sich Kantor Hartmut Siebmanns schon auf den 31. August. „Dadurch, dass die Orgel gleichzeitig auch weicher intoniert wurde, ist der Klang auch viel angenehmer zu erleben“, wirbt er für sein Konzert mit teils selten gespielten Stücken, die einen Bogen aus der Renaissance bis in die Gegenwart spannen.
Seine „Orgelreise durch die Jahrhunderte“ beginnt mit einer Alamanda, einem deutschen Tanz, von Samuel Scheidt. Mit der berühmten Toccata und Fuge d-moll von Johann Sebastian Bach erfüllt Siebmanns einen lang gehegten Wunsch hiesiger Orgelmusikliebhaber. Mit Stücken von Wolfgang Amadeus Mozart, Guy Bovet, Zsolt Gardonyi, César Franck, Andreas Willscher und John Arthur Meale will der Kantor den zahlreich erwarteten Gästen die Vielfalt der Orgelliteratur demonstrieren. Das Konzert klingt mit der grandiosen Festival Toccata von Percy Fletcher beendet. Und wie immer bei den hiesigen Siebmanns-Solokonzerten ist der Eintritt „frei(willig)“. (Quelle: Ostthüringer Zeitung, Lokalausgabe Pößneck)
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