14.07.2008
Form oder Leben?
Der Titel dieses Artikels mag komisch klingen. Was soll damit gesagt werden? Ich möchte versuchen, dies in einigen kurzen Artikeln in den folgenden Wochen zu erklären.
Verschiedene Umstände der vergangenen Wochen und Monate sowie die Lektüre verschiedener Bücher, haben mich zum Nachdenken angeregt. Diese Anregungen will ich versuchen, weiter zu geben.
Peter Strauch, ehemaliger Präses der FEG (Freie Evangelische Gemeinden) und langjähriger Vorsitzender der Evangelischen Allianz in Deutschland, hat in verschiedenen Büchern, zuletzt in „Wer bin ich wenn mich keiner sieht?“ versucht zu erörtern, wie sich christliches Leben im persönlichen wie im gemeindlichen Leben entwickelt. Dazu stellt er folgende These auf: Christliches Leben entwickelt sich über unterschiedliche Zeiträume in drei Stufen.
Zitat:
„Auf der ersten Stufe kommen Menschen zum Glauben an Jesus Christus und entdecken die geistliche Kraft, die in einem solchen Leben liegt. Sie reden nicht nur davon, sie strahlen dieses Leben geradezu aus. Andere werden davon angesteckt. Es bildet sich eine geistliche Gemeinschaft, geprägt von der Freude über Jesus. Dieses neue Leben unter der Herrschaft Gottes schafft sich seine eigene Form, seine eigene Kultur. Kompromisslos wird umgesetzt, was man in der Bibel entdeckt. Und weil das alles dem pulsierenden Leben entspricht, wird auch die Form nicht als beengend empfunden.
Auf der zweiten Stufe kommt es zu einer gewissen Abkühlung und Erstarrung. Das geistliche Leben ist längst nicht mehr so intensiv wie zu Beginn. Allerdings werden die Lebensformen der ersten Stufe beibehalten, mehr noch: Sie werden verstärkt. Damit bekommt die Form ein Gewicht, das sie vorher nicht besessen hat. Das hat seinen Grund darin, das innerhalb der Gemeinde die Abkühlung des geistlichen Lebens deutlich empfunden wird. Diesem Prozess will man entgegenwirken, indem man die Form stärkt. Es sind vor allem die Älteren, die sich dankbar an die erste Stufe erinnern, in der das geistliche Leben noch blühte. Dahin will man zurück. Man schreibt die Form fest und hofft, so auch den Inhalt bewahren zu können. In Ordnungen wird schriftlich fixiert, wie sich Gemeindeleben zu gestalten hat. Und wo das nicht geschieht, sind die ungeschriebenen Vorgaben sogar noch starrer. Jede Veränderung der Form löst endlose Debatten aus. Nur vom eigentlichen Leben ist fast nichts mehr zu spüren. Zwar wird viel davon geredet, aber die Erfahrung bleibt aus.
Damit hat sich die Lebensform zu einer gefährlichen Größe entwickelt, die mehr und mehr die wahre Situation verdeckt. Man tut so, als sei alles in Ordnung. Alles läuft weiter. Das geht so weit, dass die alte Form nicht nur leer, sondern für neues Leben längst hinderlich ist. Wenn Gott der Gemeinde neues Leben schenkt (und sicher gibt es auch auf der zweiten Stufe viele, die sich das wünschen und dafür beten), steht die alte Form vermutlich dem neuen Leben im Weg. In der Kirchengeschichte hat das oft dazu geführt, das sich neue Gemeinden bildeten.
In dieser Situation wird dann die dritte Stufe entstehen. Das ist zum einen die Stufe der Aussteiger. Vor allem junge Leute, die in der Gemeinde aufgewachsen sind, ziehen sich enttäuscht zurück. Im tiefsten Grund sehnen sie sich nach echtem geistlichen Leben. Aber da ihnen fast nur noch die Form begegnet und vom ursprünglichen Leben kaum noch was zu spüren ist, wenden sie sich ab. Sie empfinden das Formale als Einengung. Verbal scheint alles in Ordnung zu sein, die reine Lehre wird nach wie vor gepredigt, aber eine Lehre ohne Leben erscheint als unattraktiv.
Auf dieser dritten Stufe entscheidet sich dann auch der weitere Weg der Gemeinde. Entweder tendiert sie zu einer toten Orthodoxie oder sie wird liberal. Das liegt nahe, denn ethische Regeln ohne ein motivierendes geistliches Leben sind kraftlos. Sie vermitteln Enge und nicht das, was sie sind: Gottes gute Lebensordnung für seine Menschen.
Ich weiß, das ist eine grobe Skizze, sie vereinfacht die Wirklichkeit und trifft längst nicht überall zu. Aber sie hilft uns zu erkennen, wie es um uns steht.“
Das und vieles andere aus diesem und anderen Büchern regt mich zum Nachdenken an. Wo stehe ich? Wo steht meine Gemeinde?
Ist das Suchen nach neuem geistlichen Leben aus Jesus, oder ist es schon jetzt zu Form erstarrt, weil ich das Gefühl habe, damit Mauern ein zu reißen? Ist es Sehnsucht oder Mittel zur Opposition? Möchte ich eine „freie Form“ oder freies Leben in Christus? Ist mein „frommes Leben“ nur Fassade, hält es vor Christus stand?
Wer bin ich wenn mich keiner sieht? Wer bist du, wenn dich keiner sieht?
Fortsetzung folgt … (os) |