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23.02.2008
Gedankenlos schlagen wir Türen zu …

Es war morgens beim Bäcker. Ich wollte Brötchen holen. In anderen Gegenden Deutschlands heißen sie: Semmel, Schrippen oder Rundstücke. Ein wenig hilflos schaue ich auf die vielen Sorten: Helle, dunkle, mit und ohne Körner, Kürbiskerne, Rosinen, Käse und Zwiebeln. „Was möchten Sie?“ fragt die Verkäuferin. Die Ungeduld ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Vier Brötchen, möglichst dunkle“, antworte ich und hoffe auf die Hilfe der Frau. Weit gefehlt! Sie schweigt. Wartet. Ich habe den Eindruck, ihr lästig zu sein. Gerne hätte ich mich präziser ausgedrückt, aber die Körbe mit den entsprechenden Bezeichnungen stehen ganz hinten, hinter der Theke und der Verkäuferin. Wie sie heißen, kann ich beim besten Willen nicht lesen. Ich versuche es mit „zwei von links“ und „zwei von ganz rechts“. Vorwurfsvoll packt die Frau mir die Brötchen auf die Theke, greift mein abgezähltes Geld, während sie sich mit ihrer Kollegin unterhält. Ich fühle mich schlecht behandelt, gebe ihr das auch zu verstehen und verlasse ein wenig verletzt, auch ärgerlich das Geschäft. Obwohl die Sache lange zurückliegt, habe ich die Bäckerei bis heute nicht wieder betreten und mir einen anderen Bäcker gesucht! Ich weiß: Meine Reaktion ist nicht gerade vorbildlich, schon gar nicht christlich. Und hat nicht jeder Mensch mal einen schlechten Tag? Sollte man den nicht auch einer Verkäuferin zubilligen? Trotzdem: Wir ahnen oft nicht, wie sehr unsere Unfreundlichkeiten Menschen verletzen und für die Zukunft blockieren können!

Vor drei Jahren waren meine Frau und ich irgendwo an der mecklenburgischen Küste in Urlaub, und am Sonntag besuchten wir den Gottesdienst in der kleinen Dorfkirche. Er war gut besucht, viele Touristen waren dort. Schon vor der Kirche liefen wir dem Pfarrer über den Weg. Wir wollten ihn freundlich grüßen, aber er schaute nicht einmal auf. Vermutlich war er mit seiner Predigt beschäftigt, das kenne ich von mir selber! Nach dem Gottesdienst stand er am Ausgang, um die Leute zu verabschieden, aber während ich ihm die Hand drückte, unterhielt er sich mit einem Bekannten und sah mich nicht einmal an. Vermutlich war das völlig gedankenlos und schon gar nicht böse gemeint. Trotzdem, es verletzte mich! Ahnen wir eigentlich, wie viele offene Türen wir mit solchen Gedankenlosigkeiten manchmal für viele Jahre bei den betroffenen Menschen zuschlagen?!

Geraubte Stammplätze!
Ein junges Mädchen ist vor einiger Zeit umgezogen. Sie erzählt mir von einem Gottesdienstbesuch an ihrem neuen Wohnort. Zwar wurde am Ende des Gottesdienstes zu einer Tasse Kaffee eingeladen, aber niemand sprach sie an. Und da sie ein wenig zurückhaltend ist und sich schwer damit tut, auf andere zuzugehen, verließ sie schließlich den Raum. Das wiederholte sich am nächsten Sonntag. Später fand sie ein zuhause in einer anderen Gemeinde. Dort wurde sie freundlich begrüßt und man gab ihr zu verstehen, wie sehr man sich über ihren Besuch freute.

Es liegt viele Jahre zurück. Ich sitze vor Beginn des Gottesdienstes in der ersten Reihe und hinter mir unterhalten sich zwei Damen, die anscheinend in dieser Kirche zu Hause sind. Sie sind empört, weil ihnen jemand ihre „Stammplätze“ geraubt hat. Als sie den Kirchenraum betraten, waren „ihre“ Plätze bereits besetzt. Vermutlich würde ich mich heute umdrehen und sie direkt darauf ansprechen, aber damals habe ich nur schweigend zugehört und versucht, mir vorzustellen, mit welchen vernichtenden Blicken sie die Besucher auf ihren Plätzen bedacht haben. Falls es Gäste waren, und davon ist auszugehen, reichten diese Blicke vermutlich für lange Zeit aus, den Gottesdienst dieser Gemeinde nicht mehr zu besuchen.

Sie meinen, man dürfe nicht so empfindlich sein und so etwas könne überall passieren? Allen könne man es ohnehin nicht recht machen, auch nicht in unseren Kirchen und Gemeinden? Ihre Reaktion mag verständlich und Ihre Einschätzung realistisch sein. Aber Jesus will mehr. Er hält die Liebe für das Echtheitszeichen seiner Gemeinde, seine Liebe. Jesus liebte vorbehaltlos, unabhängig von dem, was Menschen einbringen und auf die Waage legen, um sich liebenswert zu machen. Allein die Existenz eines Menschen genügt für Jesus Christus, ihn liebzuhaben. Also zeigen wir´s ihnen - um der Menschen und um seinetwillen.

Verfasser: Peter Strauch, erschienen in EiNS! – Das Magazin der Evangelischen Allianz Deutschland. Dieses ist kostenlos und kann auf der Webseite bestellt werden.

Peter Strauch war bis Januar Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden und von 2000 bis 2006 Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz.
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