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| Z U M N A C H D E N K E N |
07.11.2007
„Im Anfang war der Logos“ – Ein Beitrag zum Verhältnis von Glaube und Vernunft
Kirchen brennen im Westjordanland, in Somalia wird eine Nonne erschossen, in Indonesien fordern Demonstranten: „Kreuzigt den Papst!“ Was war geschehen? Papst Benedikt XVI. hatte an der Universität Regensburg am 12. September 2006 einen Festvortrag gehalten – und sich dabei mit dem Verhältnis von Glaube und Vernunft auseinandergesetzt. Dass dabei ein wohl zum Ende des 14. Jahrhunderts hin entstandenes islamkritisches Zitat von Kaiser Manuel II. (da aus dem Zusammenhang des Vortrags gerissen) in manchen Teilen der Welt die Gemüter erhitzte, ist hinlänglich bekannt. Diese Regensburger Vorlesung gilt seitdem laut dem „Spiegel“ (Nr. 47/2006) als eine der „meistgelesenen […] theologischen Vorlesungen seit der Bergpredigt.“ Das Verhältnis von Glaube und Vernunft scheint also nicht immer ganz einfach zu sein.
Die Bibel liefert zahlreiche Hinweise zum Verhältnis von Glaube und Vernunft. Alle Stellen aufzuzeigen würde den Rahmen hier sprengen, es soll daher bei wenigen Beispielen bleiben. Im alten Testament wird von dem sprichwörtlich weisen König Salomo berichtet, dem Gott ein weises Herz gegeben hat (1. Kön. 3, 12). Elisa erbat sich von Elia zwei Teile seines Geistes (2. Kön. 2, 9). In den Apokryphen rät Sirach: „Wohl dem, der über die Weisheit nachsinnt und sie aufnimmt in sein ganzes Denken.“ (Sir. 14, 22)
Die Schlüsselstelle befindet sich im Evangelium des Johannes
Die Kernstelle schlechthin jedoch befindet sich neuen Testament, und zwar im ersten Satz des Johannesevangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ (Joh. 1, 1)
Es ergeht einem an dieser Stelle wie Goethes tragischer Figur Faust: „Mich drängt's den Grundtext aufzuschlagen.“ Das griechische Original des Johannesevangeliums spricht an hier vom „Logos“, für den es eine ganze Reihe von Übersetzungsmöglichkeiten gibt. Faust entscheidet sich schließlich für die „Tat“, anders bekanntlich die aktuelle Bibelübersetzung, in der vom „Wort“ die Rede ist. Auch Papst Benedikt XVI. hält in Regensburg an dieser Stelle inne und klärt auf: „Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen kann, aber eben als Vernunft.“
In seiner ersten Enzyklika (das ist ein päpstliches Rundschreiben) mit dem Titel „Deus caritas est“ („Gott ist die Liebe“) schreibt Benedikt XVI. dem Glauben eine eigenständige Wesensart als Begegnung mit dem lebendigen Gott zu, welche Horizonte weit über den Bereich der eigenen Vernunft öffnet. Zugleich aber ist der Glaube eine „reinigende Kraft“ für die Vernunft. Damit knüpft er an eine Enzyklika („Fides et Ratio“) seines Vorgängers Johannes Paul II. aus dem Jahre 1998 an, der die Überzeugung der (katholischen) Kirche beschwor, dass Glaube und Vernunft füreinander die Funktion kritisch-reinigender Prüfung aber auch des Ansporns ausüben.
Glaube ohne Vernunft erzeugt religiösen Fundamentalismus
Kommt diese Funktion der wechselseitigen Reinigung abhanden, wird der Glaube von der Vernunft abgekoppelt, so führt dies zur Radikalisierung religiöser Lehren. Mögliche Folgen wurden am Anfang dieses Beitrags skizziert. Die Geschichte der Menschheit ist voll von weiteren Beispielen, die zeigen, dass blinder Glaube Fanatismus ist.
Ein solider und starker Glaube ist zunächst einmal sicher nicht schlecht - im Gegenteil, er ist erstrebenswert. Er gibt Orientierung im Leben, Halt in schweren Zeiten und stellt Nähe zu Gott her.
Wird die Vernunft ausgeschaltet, kann der Glaube allerdings durchaus absurde Züge annehmen. Beispielsweise zählt die amerikanische „Christian-Identity-Bewegung“ zu ihren Grundüberzeugungen, Jesus Christus sei „Arier“ gewesen, die Angelsachsen seien das auserwählte Volk und die Vereinigten Staaten das gelobte Land.
Nicht nur das Christentum ist betroffen. So schreibt der schiitische Theologe Ayatollah Baqer al-Sadr: „Die Welt ist heute so, wie andere sie geschaffen haben. Uns bleiben zwei Möglichkeiten – entweder sie demütig anzuerkennen, was dem Untergang des Islam gleichkäme, oder aber sie zu zerstören, auf dass wir die Welt so schaffen können, wie es der Islam fordert.“
Beide Entartungen haben wenig mit dem gemeinsam was Christentum und Islam als nach ihrer Lehre friedliche Religionen ausmachen. Dennoch finden derlei Irrlehren ihre Anhänger. Warum ist das so? Weil dem Glauben die Vernunft abhanden gekommen ist! Vielfach findet „Fanatismus“ nicht nur in Gestalt von Gewalt oder Hasspredigten Ausdruck, sondern entfaltet sich im kleinen, individuellen Rahmen und ist dann nicht einmal Folge der aufgezeigten oder von ähnlichen Irrlehren. Er findet dort statt, wo der Glaube die Vernunft nicht ergänzt, sondern sie ersetzt. Dabei wurde doch der Mensch von Gott mit der Vernunft und dem sog. „gesunden Menschenverstand“ ausgestattet. Deshalb soll der Mensch beide (ja nicht zu sparsam!) auch gebrauchen - oder aber durch den Nichtgebrauch gleichsam den Schöpfer verleugnen.
In seiner Vernunftbegabung zeigt sich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen
Dem Menschen wurden seine herausragende Stellung in der Schöpfungsordnung als von Gott zu seinem Ebenbild geschaffen (1. Mos. 1, 26 u. 27) und die Vernunft gleichzeitig verliehen.
In der spanischen Spätscholastik wurde ausgelöst durch den Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern, den die Eroberungszüge mit sich brachten, eine Auseinandersetzung darüber geführt, ob diese vernunftbegabt und zum christlichen Glauben fähig seien. Die Frage wurde im Ergebnis Mitte des 16. Jahrhunderts bejaht, doch rückt diese Auseinandersetzung Glaube und Vernunft in ein erkennbares Näheverhältnis, legt sie doch eine Abhängigkeit der Fähigkeit zu glauben von der Vernunftbegabung des Menschen nahe. Man wird ja nicht gleich so weit gehen müssen wie viel später Hegel, der annahm, dass Glaube und Vernunft zwar nicht der Form, aber doch dem Wesen nach übereinstimmen.
Für die christliche Alltagspraxis bringt der rege Vernunftgebrauch manchen Vorteil. So hält die Vernunft beispielsweise fern von der Sünde. Es ist nicht vernünftig zu morden, zu stehlen, die Ehe zu brechen usw. Thomas von Aquin drückte es ganz direkt aus: „[…] dass der sündige Mensch von der vernünftigen Ordnung abfällt und dadurch seine menschliche Würde aufgibt, um deretwillen der Mensch von Natur frei und um seiner selbst willen existiert, und sich in tierischer Abhängigkeit verliert.“
Das Miteinander von Glaube und Vernunft eröffnet auch neue Möglichkeiten des Dialogs. Der Glaube kann in seiner global vorzufindenden Vielfalt grundverschieden sein. Die Vernunft erhebt demgegenüber einen universellen Anspruch. Dabei darf sie nicht auf das nur im Experiment falsifizierbare reduziert, sondern muss in ihrer ganzen Weite angewendet werden, die das Göttliche gerade nicht ausschließt. „Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen“, sagt dazu der Pontifex in Regensburg.
Vernunft - vom Licht Gottes erleuchtet
Dabei hat der Dialog bei weitem nicht nur die große Dimension eines Dialogs zwischen den Kulturen, den der Einzelne ohnehin nicht führt. Dialog meint auch Dialog mit dem Nächsten. Dies kann der Banknachbar aus der Kirche sein, oder aber ebenso das Gespräch mit jedem Mitmenschen. „Die Kirche braucht Menschen […] deren Herz von Gott geöffnet und deren Vernunft vom Licht Gottes erleuchtet worden ist“, schreibt der katholische Bischof Kurt Koch aus Basel. Dann könne ihr Herz andere Herzen öffnen und ihre Vernunft zur Vernunft anderer sprechen.
Das weite Feld des Verhältnisses von Glaube und Vernunft ist damit angesprochen, jedoch keineswegs erschöpfend behandelt. Vielleicht entsteht aus der Lektüre aber doch das eine oder andere „vernünftige Glaubensgespräch“… (sl) |
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