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| Z U M N A C H D E N K E N |
Nur ein Märchen?
Es war einmal ein kleines Dorf, in dem ganz gewöhnliche Leute lebten: Arme und Reiche, Dicke und Dünne, Dumme und Gescheite und natürlich auch Gute und Böse.
Das Dorf wurde von mächtigen Bergen umgeben, die fast bis zum Himmel reichten. In den kalten Wintermonaten, wenn die Sonne tief stand, wurde es dort gar nicht recht hell, und selbst im Sommer erreichte die Sonne das Dorf nur zur Mittagszeit.
Man zündete deshalb überall kleine Lichter an.
Wenn ein Fremder in das Dorf kam – was höchst selten geschah – staunte er über die vielen Kerzen, das kuschelige Gefühl und die warme Dämmerstimmung in den Hütten der Bewohner.
Schon ganz früh wurde den Kindern eines beigebracht: „Unser kleines Dorf ist etwas ganz Besonderes, denn zu uns kommt der Weihnachtsmann!“
Alle kannten dessen Geschichte; wo er herkam, was er gern hatte, was er nicht mochte und wie unendlich lieb er war. Und natürlich, dass er der einzige, der echte und richtige Weihnachtsmann war und dass er nur zu ihnen kam. Sollte es woanders welche geben, die sich auch Weihnachtsmänner nannten, dann waren das keine richtigen!
Die Kleinen lernten Lieder und Gedichte, die der Weihnachtsmann gern hörte. Überhaupt war er das allerwichtigste Thema im Dorf. Er kam nämlich nicht nur am Heiligen Abend, nein, das ganze Jahr über strich er ungesehen umher und spähte nach den Menschen. Alle Taten, gut oder böse, wurden aufgeschrieben, und wer ungezogen war oder etwas tat, was dem Weihnachtsmann nicht gefallen würde – und das war eine lange Liste – der musste mit Strafe rechnen - ja, dem konnte es sogar passieren, dass der Weihnachtsmann ihn nicht mehr lieb hatte!!! So wurde es jedenfalls allen erzählt, die in dem kleinen Dorf zur Welt kamen.
Am Heiligen Abend kam dann tatsächlich ein großer, alter Mann mit langem weißen Bart und rotem Mantel auf einem Schlitten ins Dorf, der Geschenke verteilte und – wo es angebracht schien – auch die Rute kräftig schwang.
Allerdings war das der Bürgermeister in bester Verkleidung, der seine Sache so gut machte, dass selbst die Erwachsenen sich heimlich vor ihm fürchteten.
So ging das viele, viele Jahre lang.
Alle Menschen, groß und klein, gaben einen Teil von ihrem Geld dem Bürgermeister zum Abliefern an den Weihnachtsmann. Damit konnten sie ihre Liebe, ihre Dankbarkeit und ihren Glauben auf besondere Art beweisen. Der Bürgermeister kaufte davon Geschenke, die der Weihnachtsmann am Heiligen Abend verteilte und von dem Rest lebte er vergnügt.
Niemand verriet den Kindern dieses Geheimnis – auch nicht als sie größer wurden. Schließlich wurden sie erwachsen und glaubten immer noch an den Weihnachtsmann.
Irgendwann gab es im ganzen Dorf nur noch diesen Glauben.
Allein der Bürgermeister und sein Gemeinderat kannten die Wahrheit.
Als der Bürgermeister in die Jahre gekommen war und im Sterben lag, übergab er seinem Nachfolger das Geheimnis und fortan überwachte der neue Bürgermeister die ganze Sache.
Wenn ein Fremder kam – was höchst selten geschah – bekam er vom schönen Glauben an den Weihnachtsmann berichtet. Wem das gefiel und wer versprach, das auch zu glauben, der durfte im Dorf bleiben, von seinem Geld abgeben, nach den Regeln des Weihnachtsmannes leben und am Heiligen Abend Geschenke erwarten - oder Prügel, wenn es nicht so geklappt hatte mit dem Gehorchen.
Die Bewohner waren zufrieden, ihr Dasein war nicht gerade sonnig, aber dafür anheimelnd erleuchtet. Ihr Leben war arbeitsreich, jedoch ohne wirkliche Probleme, denn die Regeln waren ja einfach, die Lehre war einfach und der Glaube daran war einfach.
So gesehen war das Leben leicht, wenn sie … ja, wenn sie nicht zum Beispiel mal in ein anderes Dorf kamen oder gar in die Stadt!
Dort konnte es passieren, dass sie mit anderen Menschen zusammen trafen, die nicht an den Weihnachtsmann glaubten, die vielleicht über ihren schönen Glauben und die Kuschelstimmung lachten oder – was am allerfurchtbarsten war – die ihnen erzählen wollten, dass Jesus die wichtigste Person am Heiligen Abend ist und nicht der Weihnachtsmann. Dann wurde es plötzlich schwierig für die Leute aus dem kleinen Dorf. Meistens hielten sie sich die Ohren zu und sagten zu sich selber: „Du glaubst von Kindesbeinen an, deine Eltern glauben daran, selbst die Klügsten im Dorf glauben daran – das muss die Wahrheit sein!“
Und wenn sie zurück kamen und darüber berichteten, dann wurden sie gelobt über ihren kindlichen Glauben, der sie in der Versuchung und vor dem Verderben bewahrt hatte.
Jene aber, die zu sich sagten: „Ich möchte die Sache lieber für mich prüfen, vielleicht stimmt ja doch einiges nicht?!“, die hatten von Stund an ein ganz furchtbar schlechtes Gewissen. Denn möglicherweise erfuhr der Weihnachtsmann von ihren Zweifeln und sie würden am nächsten Heiligen Abend keine Geschenke bekommen; sie hatten nämlich gelehrt bekommen: „Der Zweifler empfängt nichts!“
Wer allerdings offen seine Fragen stellte und sich nicht mit alten Lügen und neuen Sprüchen
zufrieden stellen ließ, der musste das Dorf verlassen. Für den gab es keine Geschenke, keine Kuschelplätze und kein Verständnis mehr.
Etliche aber kamen von sich aus nicht wieder ins Dorf zurück, sondern blieben in anderen Dörfern und Städten. Dort war es nicht so stimmungsvoll, da brachte die Sonne auch mal an den Tag, was nicht in Ordnung war und was aufgeräumt werden musste. Das Leben war dort komplizierter, es gab viel mehr Fragen, viel mehr Entscheidungen und viel mehr Möglichkeiten, auch mal falsch zu handeln.
Im Dorf nannte man sie die Abgefallenen und Verlorenen.
Eines Tages kam wieder ein neuer Bürgermeister ins Amt. Der war ein ehrlicher und rechtschaffener Mann und hatte beschlossen, den Leuten die Wahrheit zu erzählen.
Zuerst gab es einen großen Aufstand im Gemeinderat – etliche wollte den Bürgermeister absetzen und es war eine überaus schwierige Zeit. Doch der Bürgermeister blieb beharrlich, weil er wusste, es würde den Menschen in dem kleinen Dorf zum Besten dienen.
Er tat die Verkündigung der Wahrheit aber in ganz kleinen Schritten, damit niemand deswegen einen Herzschlag bekäme.
Am Ende aber führte sein Handeln zu einer freien und frohen Gemeinschaft ohne Angst und ohne Lügen. Wer von nun an versuchte, das Gute in seinem Leben regieren zu lassen, der tat dies nicht wegen dem Weihnachtsmann. Und wer das ganze Jahr über fleißig war, der hatte am Heiligen Abend auch Geschenke, aber es waren solche Geschenke, die man sich vorher gewünscht hatte und über die man sich von Herzen freute.
Und glauben konnte mehr als je zuvor, aber nicht nur wie ein Kind, sondern auch wie ein Erwachsener, wie ein gebildeter und denkender Mensch – nur eben nicht mehr an den Weihnachtsmann.
Ihr glaubt mir das Ende nicht so richtig?
Nun – es ist ja bis jetzt wirklich noch ein Märchen!
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Verfassers (Name der Redaktion bekannt) |
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