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| Z U M N A C H D E N K E N |
28.12.2007
Unser Teil des Problems – Der Herausforderung von Relativismus und Gleichgültigkeit begegnen
Ein vierzigjähriger Mann und ein elfjähriges Mädchen sitzen nebeneinander auf einem Teppich. Er trägt einen Bart und einen Turban, sie einen rosafarbenen Schleier. Doch es handelt sich nicht etwa um Vater und Tochter oder Onkel und Nichte. Die beiden sind Mann und Frau und dieses Foto zeigt ihre Hochzeit. „Es gibt Menschen, die dieses Bild ansehen und einfach weiterleben können. Ohne Ekel, Brechreiz und Wut. Was wir sehen, ist heftigste Barbarei“, urteilt der niederländische Autor Leon de Winter darüber in einem Beitrag für Spiegel Online 1). Dieses Bild der amerikanischen Fotografin Stephanie Sinclair wurde am 17. Dezember 2007 als das „Unicef-Foto des Jahres“ vorgestellt. Ein ähnliches Schicksal teilen weltweit rund 60 Millionen minderjährige Frauen, davon rund die Hälfte in Südasien.
Natürlich, auf dieser Welt haben viele Menschen Probleme. Bei einer ungeheuren Zahl geht es Tag für Tag um die nackte Existenz. Ohne auch nur im Ansatz die damit verbundenen Schicksale banalisieren zu wollen: Das wissen und bedauern wir, selbstverständlich. Und das mit dem Foto haben wir zumindest am Rande auch mitbekommen. Andere Länder, andere Sitten? Unicef-Schirmherrin Eva Luise Köhler (die Frau des Bundespräsidenten) hat zu Recht darauf hingewiesen, dass dieses Bild auf ein weltweites Problem aufmerksam mache. 2)
De Winter hat unseren Teil des Problems in seinem Beitrag identifiziert und in treffende Begriffe gekleidet: „Leichtfertiger kultureller Relativismus – der in unserer Zeit die Erscheinungsform dekadenter Gleichgültigkeit angenommen hat – lässt viele Menschen wegschauen.“ Zwei Schlüsselbegriffe beinhaltet diese Aussage: den kulturellen Relativismus und die dekadente Gleichgültigkeit. Natürlich kann ein Einzelner gegen die Heiratspraktiken der Taliban, Witwenverbrennungen in Indien und andere Grausamkeiten wenig ausrichten.
Für die Schlagworte kultureller Relativismus und dekadente Gleichgültigkeit lassen sich in der Alltagssprache gebräuchliche Formeln finden. Leben und leben lassen ist eine solche Formel. Oft wird dafür oder parallel noch der Begriff der Toleranz gebraucht. Bei richtigem Umgang ist das unproblematisch, ja sogar zustimmungswürdig. Inzwischen hat es sich jedoch eingebürgert diese Aussagen dann anzubringen, wenn man den Diskurs scheut. Wenn man sich nicht mit dem „Wertekonzept“ des Gegenüber auseinandersetzen will; wenn man selbst vielleicht gar nicht so genau weiß, welchen Prinzipien man sich selbst verpflichtet sehen will; wenn man sich nicht festlegen will und schließlich wenn man nicht anmaßend sein will.
Konflikthaltige Dialoge lassen sich mit dieser Haltung in der Tat umgehen. Dabei gerät oft – zu oft – in Vergessenheit, dass es Werte gibt, für die es sich zu streiten lohnt. In den letzten Jahren sind durchaus beachtliche Versuche unternommen worden, eine offensive Wertedebatte zu führen. Die wohl am umfassendsten rezipierten Publikationen sind „Die Kultur der Freiheit“ von Udo Di Fabio (Richter am Bundesverfassungsgericht), „Schluss mit Lustig“ von Peter Hahne 3) (evangelischer Theologe und stellv. Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios) und „Werte in Zeiten des Umbruchs“ von Kardinal Josef Ratzinger/Papst Benedikt XVI. 4) Diese drei Bücher (und einige weitere) beleuchten unterschiedliche Facetten gegenwärtiger Probleme unserer Gesellschaft, gemeinsam liegen ihnen jedoch die christlich-abendländischen Werte zu Grunde.
Der kulturelle Relativismus ist das vielleicht schwierigere Problem, das uns dafür nicht ganz so stark betrifft. Er tritt dann zu Tage, wenn es zum Kontakt und Dialog mit anderen Kulturen kommt. Natürlich gibt es auch zwischen Bayern und Preußen kulturelle Unterschiede. Diffizil wird die Sache aber oft erst dann, wenn es um Kulturen geht, die sich in sprachlicher, geschichtlicher und religiöser Hinsicht als offenkundig unterschiedlich herausstellen. Der Dialog mit solchen Kulturen, die natürlich nicht alle grausam sind und in denen es oft auch Schönes zu entdecken gibt, ist nicht frei von historischem Ballast. Immerhin haben fast alle europäischen Staaten Kolonien gegründet und die Eroberer sind dabei nicht gerade nach dem Gebot der Nächstenliebe vorgegangen. Eine Auseinandersetzung über Werte ist darum doppelt schwierig. Einerseits weil die Debatte oft historisch geführt wird und nicht, wie es der Sache zuträglich wäre, dogmatisch. Das Verständigungspotential ist damit reduziert. Zweitens kommt hinzu, dass der Vorwurf eines westlichen Kulturimperialismus schnell erhoben wird. Das ist ebenfalls keine Basis für einen fruchtbaren und konstruktiven Dialog. Trotz dieser Schwierigkeiten: Toleranz ist kein Rezept gegen Barbarei.
Der katholische Theologe Hans Küng engagiert sich seit Jahren in dem von ihm maßgeblich geprägten Projekt Weltethos 5) und wurde dafür im Jahr 2003 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Leider bleibt der Zugang zu den dort entwickelten Ideen (die gewiss nicht frei von inhaltlichen Schwächen sind) in den Ländern wo ihr Einfluss am nötigsten ist einer intellektuellen Elite vorbehalten. Von Resonanz in der Lebenswirklichkeit keine Spur. Die Arbeit an dem Projekt selbst zeigt aber auch, wie schwierig es oft ist, zu denjenigen Werten, die im nordatlantischen Raum selbstverständlich gelten, in weit entfernten Regionen eine Entsprechung zu finden. Hinzu kommt, dass bestimmte Werte einem Kompromiss per se nicht zugänglich sind.
Dennoch ist das Problem des kulturellen Relativismus nicht auf der internationalen Ebene verblieben. Bestimmte politische und demografische Entwicklungen haben uns in Deutschland einen Zuwachs an kultureller und religiöser Pluralität beschert, die trotz mancher Probleme grundsätzlich eine Bereicherung darstellen. Um beispielhaft wenige Schlüsselbegriffe zu nennen: Religionsunterricht, Schächten von Tieren, Lehrerinnen mit Kopftuch, Kruzifixe in Schulen, Verweigerung von Bluttransfusionen – hierüber wurden und werden innergesellschaftlich Diskussionen geführt. In manchen Fällen wurde möglicherweise das erreicht, was hingenommen werden kann und muss. Wurde etwas erreicht, was nicht mehr hingenommen werden darf - Beispiel: Ehrenmorde – mussten die Grenzen deutlich gemacht werden.
Zeigt sich der kulturelle Relativismus wegen seiner unübersehbaren Vielschichtigkeit und aufgrund ungünstiger geschichtlicher Rahmenbedingungen als das schwierigere Problem, so erscheint demgegenüber die dekadente Gleichgültigkeit als das schwerwiegendere Problem. Denn während der kulturelle Relativismus sich in der überwiegenden Zahl der Fälle auf etwas bezieht, das geografisch weit entfernt und dem Zugriff des Einzelnen damit regelmäßig entzogen ist, und, weil wir im christlichen Abendland vielleicht viel, aber doch nicht alles besser wissen, zu einem gewissen Grad auch hingenommen werden muss, ist die dekadente Gleichgültigkeit ein Phänomen, das praktisch allerorten anzutreffen ist. Es ist diese oft undifferenzierte Haltung des leben und leben lassen, die Verweigerung und Passivität gegenüber einer Auseinandersetzung um Werte und Normen innerhalb der Gesellschaft.
Als Beispiele und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sollen einige dieser Werte in Erinnerung gerufen werden.
- Da ist die Würde des Menschen. Sie hängt zusammen mit seiner Stellung in der Schöpfung als Ebenbild Gottes 6) und seiner Befähigung zur Vernunft. Schon Thomas von Aquin lehrte, dass der sündige Mensch von der vernünftigen Ordnung abfällt und sich in tierischer Abhängigkeit verliert. 7) Zahlreiche Versuche, den Begriff der Menschenwürde zu definieren, sind ohne Erfolg geblieben und an dieser Stelle soll kein neuer unternommen werden. Die Menschenwürde ist nicht nur in fernen Ländern bedroht. Vielleicht ist manches in rechtlicher Hinsicht entschärft worden, hat aber dafür in ethischer Hinsicht eine Verschärfung erfahren. Der laxe Umgang mit Prostitution ist ein Beispiel, ein weiteres die so genannte sexuelle Revolution mit ihren Folgen. Oder die öffentliche Vorführung meist junger Menschen in diversen Fernsehshows, inzwischen sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Eine neue Sensibilität im Umgang mit der Würde ist notwendig.
- Aus der Würde ergibt sich die Gleichheit der Menschen. 8) Schon Apostel Paulus hat darauf mit aller Deutlichkeit hingewiesen: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ 9) Diese Gleichheit ist eine Gleichheit an Würde, sie ist auch Gleichwertigkeit, aber sie darf nicht zur Gleichmacherei verführen, wie dies in der sozialistischen und kommunistischen Gedankenwelt zu beobachten ist. Gleichheit steht der Vielheit und Unterschiedlichkeit nicht entgegen, fordert jedoch Achtung, Respekt und Brüderlichkeit.
- Das Recht auf Leben ist ein zentraler Wert. Das Leben ist, wie es das Bundesverfassungsgericht mehrfach ausgeführt hat, die vitale Basis der Würde. Doch ausgerechnet dort, wo es am verletzlichsten ist, wird das menschliche Leben am häufigsten angegriffen: Im Mutterleib. „Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. [...] wunderbar sind deine Werke [...]. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde [...]. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen noch keiner da war.“ 10) Jahr für Jahr werden - allein in Deutschland! - rund 250.000 rechtswidrige Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen und so mehr Menschen getötet als die Stadt Halle Einwohner hat. „Diese erschreckend hohe Anzahl an Kindstötungen im Mutterleib ist eine Anklage an unsere Gesellschaft, die zu den wohlhabendsten der Welt gehört, eine Anklage an die Teilnahmslosigkeit und die so leicht gemachten Beseitigungsmöglichkeiten für ungewollte Kinder.“ 11)
- Ein weiterer Wert ist schließlich die Ehe. Sie ist die „grundlegende Ordnungsgestalt des Verhältnisses von Mann und Frau.“ 12) Geschlechtliche Liebe ist damit der Ehe vorbehalten, sonst droht die Unzucht derer, die von Gott nichts wissen. 13) Schon Papst Paul VI. wies in seiner am 25. Juli 1968 veröffentlichten Enzyklika „Humanae Vitae“ auf die Bedeutung der vollmenschlichen Liebe hin, die eben nicht nur Trieb und Leidenschaft entspringt. Die Ehe ist monogam und verschiedengeschlechtlich. Wollte man gleichgeschlechtliche Verbindungen der Ehe rechtlich gleichstellen, müsste dafür ein neues Wort erfunden werden.
Solche Werte (die Liste ließe sich fortsetzen) müssen aus der Sphäre des Individuellen, aus dem Bezugssystem einiger hineingetragen werden ins kollektive Bewusstsein und dort Aufmerksamkeit erregen.
Das Jahr 2008 wird möglicherweise noch mehr als die vergangenen Jahre von Debatten über die Wertordnung unserer Gesellschaft geprägt sein. 40 Jahre „68“ hat schon 2007 für erste Kontroversen gesorgt. Im nun beginnenden „Jubiläumsjahr“, wobei hier von Jubel sicher keine Rede sein kann, liegt aber auch die Chance, Position zu beziehen. Position gegen Libertinage und Zügellosigkeit, gegen die im Grunde anarchischen Angriffe auf die traditionellen christlichen Werte, die eben nicht auf den Bereich des Religiösen beschränkt sind, sondern die kulturgeschichtlich auch das Fundament unserer Nation bilden. Wir können nicht mit sofortiger Wirkung das verhindern, was das „Unicef-Foto des Jahres“ zeigt. Wir könnten aber mit unserem Teil des Problems anfangen. Unser Teil des Problems ist jener Geist eines Werterelativismus, der vielfach schon die Züge dekadenter Gleichgültigkeit angenommen hat. Ihre Überwindung ist der erste Schritt um der Herausforderung des kulturellen Relativismus zu begegnen. Aufzubringen sind nun Mut und Courage um gegen den Strom zu schwimmen – es lohnt sich. (sl)
1) Siehe http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,524420,00.html (letzter Aufruf am 26.12.2007).
2) „Die Kinderbraut von Afghanistan“, FAZ.NET vom 17.12.1007 (letzter Aufruf am 26.12.2007).
3) Siehe dazu die Besprechung in Ausgabe Nr. 3/2007 (März), S. 9.
4) Siehe dazu die Besprechung in Ausgabe Nr. 6/2007 (Juni), S. 7-9.
5) Siehe dazu Hans Küng, Dokumentation zum Weltethos, Piper, München 2002 und ders. „Wozu Weltethos? Religion und Ethik in Zeiten der Globalisierung. Im Gespräch mit Jürgen Hoeren.“ 2. Auflage, Herder, Freiburg im Breisgau 2006.
6) Gen. 1, 27.
7) Thomas v Aquin, Summa Theologigae II-II, 64.2, ad 3.
8) Konrad Hilpert, Menschenwürde, in: Lexikon für Theologie und Kirche, hg. v. Walter Kasper, Freiburg u. a. 1998, Bd. 7, Sp. 134.
9) Gal. 3, 28.
10) Ps. 139, 13-16.
11) Matthias Wehrung, Antrag zur (Spät-)Abtreibungsproblematik auf der Gruppenvorsitzendenkonferenz des RCDS im Oktober 2007.
12) Joseph Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs, S. 86.
13) Siehe 1. Thess. 4, 3-5. Ein drastisches Gleichnis findet sich auch in Hes. 23. |
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